Partizipation in Stilfs

Wie kann eine hochgelegene Gemeinde mit mehreren Fraktionen, starker Naturbindung und mit wirtschaftlichen Herausforderungen ihre Zukunft aktiv gestalten?

In der Gemeinde Stilfs wurde ein breit getragener Partizipationsprozess durchgeführt, der die starke Identifikation der Bevölkerung sichtbar macht und zentrale Spannungsfelder offen benennt.

Partizipation in der Gemeinde Stilfs

Für die Gemeinde Stilfs haben wir die Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger im Rahmen des Gemeindeentwicklungsprogramms umgesetzt. Stilfs ist geprägt durch seine geografische Lage im Nationalpark Stilfserjoch, mehrere stark unterschiedliche Fraktionen (Stilfs, Sulden, Trafoi, Gomagoi), eine hohe touristische Bedeutung in Sulden, sowie durch eine ausgeprägte Natur‑ und Kulturlandschaft. Ziel des Partizipationsprozesses war es, diese unterschiedlichen Perspektiven zusammenzuführen und eine gemeinsame Zukunftsstrategie für die gesamte Gemeinde zu erarbeiten.

Den Auftakt bildeten zwei Megatrend‑Workshops mit 34 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus Politik, Verwaltung und lokalen Stakeholdern. Dabei wurden globale Entwicklungen systematisch auf Stilfs übertragen. Als besonders relevant kristallisierten sich die Themen Mobilität, demografischer Wandel und Gesundheit heraus. Diese wurden in SWOT‑Analysen vertieft und mit konkreten lokalen Fragestellungen verknüpft wie etwa Verkehr entlang der Stilfserjochstraße, Abwanderung junger Menschen oder die Sicherung der medizinischen Versorgung.

Ein zentrales Thema ist die Mobilität. Die Gemeinde verfügt grundsätzlich über eine gute Ausgangslage im öffentlichen Verkehr, gleichzeitig stellt der intensive Sommerverkehr – insbesondere entlang der Stilfserjochstraße – eine massive Belastung für mehrere Ortsteile dar. Parkplatzprobleme, unzureichende Busverbindungen und Gefahrenstellen im Straßenraum wurden klar benannt. Als zentrale Perspektiven wurden ein Mobilitätszentrum, Verkehrsberuhigungsmaßnahmen sowie der Ausbau von Elektromobilität und Radwegen diskutiert.

Der zweite zentrale Schwerpunkt betrifft den demografischen Wandel. Stilfs ist von Überalterung und Abwanderung geprägt, insbesondere in den kleineren Fraktionen. Während erste Ansätze für betreutes Wohnen bestehen, fehlen attraktive Angebote für junge Menschen und Familien. Gleichzeitig besteht ein klares Potenzial in Mehrgenerationenwohnen, neuen Wohnformen und der Schaffung leistbaren Wohnraums, um dem Trend entgegenzuwirken.

Die Emotionsbefragung mit 17 Stakeholdern zeigt ein sehr klares Bild: Die Bevölkerung verfügt über einen starken emotionalen Kern geprägt durch Zusammenhalt, Identität, Vereinskultur und Verbundenheit zur Natur. Gleichzeitig werden zentrale Spannungsfelder offen benannt: Abwanderung, fehlende Perspektiven für Jugendliche, steigende Wohnkosten, Verkehrsbelastung sowie Herausforderungen im Spannungsfeld zwischen Entwicklung und Schutz des Nationalparks.

Die Bürgerbefragung bildet den quantitativen Kern des Prozesses. Insgesamt beteiligten sich 338 Bürgerinnen und Bürger, was einer sehr guten Rücklaufquote von 34 % entspricht. Die Ergebnisse zeigen eine sehr hohe Lebenszufriedenheit: Rund zwei Drittel der Bevölkerung lebt sehr gerne in Stilfs. Besonders positiv bewertet wurden Natur und Umwelt, Landschaftsbild, Trinkwasserversorgung, Vereinsleben, Traditionsbewusstsein sowie die touristische Infrastruktur.

Gleichzeitig zeigt die Befragung klare Handlungsfelder. Besonders kritisch bewertet wurden Nachtleben und Angebote für Jugendliche, leistbarer Wohnraum, Angebote für sozial schwache Menschen und Menschen mit Beeinträchtigung sowie Teile der Mobilitätsinfrastruktur. Auch Treffpunkte, Gastronomieangebote in der Nebensaison sowie die Verbindung zwischen den Fraktionen wurden als ausbaufähig identifiziert.

Auffällig ist die klare Differenzierung zwischen den Ortsteilen. Themen wie Verkehr, Erreichbarkeit, Versorgung und Lebensqualität werden je nach Lage (z. B. Stilfserjochstraße, touristische Zentren oder periphere Fraktionen) unterschiedlich wahrgenommen. Diese Unterschiede wurden gezielt analysiert und bilden eine wichtige Grundlage für räumlich differenzierte Maßnahmen.

Ein zentrales Ergebnis ist zudem die klare Haltung der Bevölkerung zur weiteren Entwicklung: Eine Mehrheit spricht sich für ein maßvolles Wachstum aus, möchte dieses aber eng mit Themen wie Wohnqualität, Naturerhalt und sozialer Balance verknüpfen. Innenentwicklung, Nutzung bestehender Gebäude und eine ausgewogene Entwicklung aller Fraktionen stehen dabei im Fokus.

Auch die Tourismus‑Sensitivitätsampel zeigt ein differenziertes Bild: Der Tourismus wird grundsätzlich positiv bewertet und als wirtschaftlicher Faktor anerkannt, gleichzeitig wird ein sensibles Gleichgewicht zwischen Tourismus, Lebensqualität und Wohnraum eingefordert.

Die Ergebnisse des gesamten Partizipationsprozesses wurden in einer öffentlichen Bürgerversammlung vorgestellt und diskutiert. Sämtliche Detailauswertungen und Arbeitsdokumente wurden der Gemeinde vollständig zur Verfügung gestellt und bilden die Grundlage für die weiteren Schritte im Gemeindeentwicklungsprogramm.

Ein umfassendes Ergebnisdokument steht hier zum Download zur Verfügung: DOWNLOAD